Die archäologischen Arbeiten im Stadtzentrum von Doliche dauerten in diesem Jahr vom 29.07.2025 bis zum 18.09.2025. Untersucht wurden während dieser Kampagne nicht nur die großen öffentlichen Gebäude im Bereich des römischen Stadtzentrums – das Dolichener Stadtarchiv und der monumentale apsidale Tempel – sondern auch in bisher nicht erforschte Areale zwischen den Zentren der kaiserzeitlichen und der spätantiken Zeit. Insgesamt sind 10 Schnitte angelegt worden. Dazu haben sich 28 Studierende, Archäolog*innen und Spezialist*innen im Grabungshaus eingefunden und gemeinsam mit 13 türkischen Grabungshelfern gearbeitet.
Arbeiten am Stadtarchiv und an den Dolichener Siegeln
Die Arbeiten am 2017 lokalisierten Archiv von Doliche wurden 2025 fortgesetzt. Das Archiv liegt im Südosten des Stadthügels am Rand eines Plateaus, auf dem sich das kaiserzeitliche Stadtzentrum befand. (Abb. 1) Vom Gebäude selbst sind nur geringe Reste der Fundamente erhalten, da die Ruinen bereits kurze Zeit nach der Zerstörung systematisch abgetragen und die Steine anderweitig verwendet oder zu Kalk verarbeitet wurden. Das Groß der Anlage wurde in den Kampagnen der letzten Jahre freigelegt.

Die Grabungen bleiben eine große Herausforderung. Der Brandschutt wurde bereits in der Antike durchwühlt und in der jüngeren Vergangenheit kamen umfangreiche Raubgrabungen hinzu. Dennoch konnten bislang insgesamt 22.000 Urkundenverschlüsse geborgen werden. Ihre Freilegung erfordert allerdings das vollständige Schlämmen des Aushubs mit Wasser, da die oft nur wenige Millimeter großen Stücke zwischen Millionen gleich großer Steine kaum zu erkennen sind (Abb. 2). Diese Methode ist äußerst zeit- und arbeitsintensiv und lässt die Erforschung nur langsam voranschreiten.

Bis 2024 stammten alle Urkundenverschlüsse aus einem 18 m langen und 9 m breiten, durch Zungenmauern gegliederten Raum, der als Archiv beziehungsweise als Untergeschoss des Archivs angesprochen wird. Die Kampagne 2025 brachte jedoch neue Erkenntnisse. In der Ausbruchgrube eines außerhalb dieses Raumes gelegenen Fundaments wurden weitere 15.000 Urkundenverschlüsse entdeckt. Damit steht fest, dass sich das Archiv über mehrere Räume eines größeren Baukomplexes erstreckte, der nach Westen an eine öffentliche Badeanlage grenzt (Abb. 3). Die weitere Erforschung des Areals ist daher dringend erforderlich, zumal mit einem weiteren Anstieg der Fundzahlen zu rechnen ist.

Unter den bislang 22.000 geborgenen Urkundenverschlüssen nimmt die Gruppe der offiziellen Siegel eine herausragende Stellung ein. Mehr als die Hälfte der Stücke trägt Abdrücke solcher Siegel, die von Institutionen der städtischen Verwaltung genutzt wurden und sich durch ihre Größe sowie durch Motive mit eindeutig offiziellem Charakter auszeichnen. Besonders häufig sind Darstellungen der Stadtgöttin Tyche. Bereits bekannt waren ein Siegel mit auf einem Felsen sitzender Tyche, das in über tausend Abdrücken vorliegt, sowie eine frontal sitzende Tyche mit Beischrift der Dolichener Bürgerschaft (Abb. 4). Im Jahr 2025 konnte nun ein weiteres Tyche Siegel mit Inschrift eindeutig identifiziert werden (Abb. 5). Es zeigt die Göttin erneut auf einem Felsen sitzend im Profil nach links und weist sich ausdrücklich als Siegel von Amtsträgern des Archivs aus. Damit ist erstmals ein Siegel greifbar, das unmittelbar mit der Tätigkeit des Archivs selbst verbunden werden kann.


Eine zweite wichtige Gruppe offizieller Siegel zeigt römische Kaiser in enger Verbindung mit dem Stadtgott Jupiter Dolichenus. Mehrfach erscheinen Kaiser und Gott im Handschlag, ein Motiv, das die besondere Nähe zwischen Doliche und dem römischen Herrscherhaus betont. Daneben gibt es Darstellungen eines opfernden Kaisers vor dem auf dem Stier stehenden Gott. Durch Neufunde des Jahres 2025 konnte ein zweites Siegel mit diesem Motiv nachgewiesen werden, das sich in Details (Abb. 6). Die neuen Funde schärfen damit nicht nur das Bild der offiziellen Bildprogramme, sondern geben auch Hinweise auf die frühe Ausprägung der Beziehungen zwischen Stadt, Gottheit und kaiserlicher Macht.

Abschluss der Arbeiten am Tempel
Am monumentalen Tempel des römischen Stadtzentrums konzentrierten sich die Arbeiten auf den an die Apsis angrenzenden Teil des nördlichen Seitenschiffes des Tempels. Bereits im Vorfeld war eine weitgehende Parallelität zum zuvor freigelegten südlichen Seitenschiff erwartet worden. Diese Annahme konnte im Befund bestätigt werden. Die Mauerzüge, Raumproportionen und gestalterischen Details entsprechen in Anlage und Ausführung der südlichen Seite und belegen den axialsymmetrischen Aufbau des Tempels (Abb. 7).

Zugleich wurde die Nische des nördlichen Apsis-Nebenraums weiter freigelegt. Auch hier bestätigte sich die angenommene Spiegelung der Anlage zum südlichen Pendant. Die beiden Nischen standen einander auf einer Nord Süd Achse gegenüber und markierten vermutlich eine Sichtachse innerhalb des Baues.
Wie im Süden wurde auch hier ein Mosaikboden freigelegt, der das gleiche geometrische Muster in identischen Farben zeigt. Allerdings war der Boden im nördlichen Seitenschiff von einer später aufgebrachten Mörtelschicht überdeckt. Diese Überarbeitung weist auf eine spätere Nutzungsphase hin, in der man auch die damals noch existierende innere Säulenstellung zusetzte, um einen abgeschlossenen Raum zu erschaffen (Abb. 8).

In den Füllschichten des diesjährigen Schnittes kamen zudem weitere Architekturteile des Gebälkes zutage, die bereits aus anderen Stellen des Tempelareals belegt sind. Ihre erneute Auffindung im Zusammenhang mit dem nördlichen Bereich trägt auch hier zur Vervollständigung des architektonischen Befundes bei (Abb. 9). Die diesjährigen Arbeiten schaffen damit die Grundlage für den Abschluss der bauhistorischen Rekonstruktion des Tempelgrundrisses durch Theresa Pommer (Münster/Braunschweig). Die Grabungen am Tempel sind damit vorerst beendet, die archäologische und architekturhistorische Auswertung der Befunde wird jedoch fortgeführt.

(Spätantike) Wohnbebauung im Westen des Tempels?
Im Westen des Tempels wurden im Sommer 2025 zwei Schnitte angelegt, die nach dem Auftreten von Bruchsteinmauern durch eine Erweiterung ergänzt wurden (Abb. 10). Ausschlaggebend für die Wahl der Stelle waren bereits im Vorjahr beobachtete auffällige Aschekonzentrationen an der Oberfläche. Diese Beobachtungen bestätigten sich im archäologischen Befund. Neben ausgedehnten Ascheschichten wurde eine Grube mit stark aschehaltiger Verfüllung freigelegt, die deutlich als eigenständiger Befund zu erkennen ist. Die stratigraphische Einbindung dieser Befunde ist noch nicht abschließend geklärt.

Überraschend war die Entdeckung gut erhaltener Mauern, die noch bis zu fast drei Meter Höhe anstehen (Abb. 11). Die Funktion der Mauern ist noch unklar, doch scheint es sich um Reste von Wohnbebauung der Kaiserzeit zu handeln, die in der Spätantike neu genutzt wurde. Angesichts der noch begrenzten Ausdehnung der Grabung bleibt die funktionale Ansprache jedoch vorläufig.

Arbeiten im Umfeld der frühchristlichen Basilika
Östlich der Basilika wurden zwei Schnitte angelegt. Bereits wenige Zentimeter unter der Oberfläche traten Überreste eines Quadermauerwerkes zutage. Die Mauern gehören offenbar jeweils zu größeren Gebäuden, die der frühbyzantinischen Wohnbebauung zuzuordnen sind (Abb. 12).

Darauf verweisen die zahlreichen, vor allem keramischen Funde. Dass die Bauten noch nach der Auflassung der Kirche genutzt wurden, zeit eine in den Boden eingelassene Schrankenplatte (Abb. 13). Wann genau die Nutzung des Gebäudes endete, bedarf weiterer Untersuchungen.

Fortführung der Arbeiten am Kirchenschiff
Die Arbeiten am Mittelschiff der Kirche wurden 2025 in einer neuen Kooperation zwischen einem türkischen Grabungsteam der Leitung von Prof. Kutalmış Görkay im Rahmen des GMP-Projetes und der Forschungsstelle Asia Minor fortgeführt (Abb 14). Ziel des Unterfangens ist es, die westliche Hälfte der Kirche vollständig freizulegen und damit die bisher nur angenommene Ausdehnung des Baues sicher zu erfassen. Auch die Freilegung des künstlerisch sehr reichhaltigen Mosaikbodens, soll die Bau- und Nutzungsphasen der frühchristlichen Basilika in Zukunft verständlich machen.

Um dieses Ziel zu erreichen, werden die Arbeiten über das Ende der Kampagne der Forschungsstelle im September hinaus fortgesetzt. Das türkische Team führt die Grabungen ganzjährig weiter und gewährleistet damit eine kontinuierliche Bearbeitung des Befundes.
